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10 Jahre nach Fukushima Wie weit fortgeschritten ist der Atomausstieg in Deutschland ?

Im Jahr 2001 beschloss die deutsche Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomenergie und gleichzeitig die Förderung des Ausbaus der erneuerbaren Energien. Seit 2003 wurden mittlerweile elf Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet. Ende diesen Jahres sollen nun mit Grohnde, Brokdorf und Grundremmingen C drei der sechs derzeit noch laufenden Atomkraftwerke stillgelegt werden.

Ende 2022 folgen dann als letzte die Meiler Neckarwestheim 2, Emsland und Isar 2. Entgegen früherer Befürchtungen ist inzwischen klar, dass die Versorgungssicherheit in Deutschland auch ohne Atomkraft dank des Ausbaus der erneuerbaren Energien nicht gefährdet ist. Doch ohne eine gesamteuropäische Lösung ist es bis zum endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft noch ein weiter Weg.

„Atomkraft? Nein danke!“

Seit den 1970er-Jahren wird der Einsatz der Atomkraft in Deutschland heftig und kontrovers diskutiert. Die Befürworter der Atomkraft sprechen sich für eine etablierte Technik aus, mit der kontinuierlich und weitgehend emissionsfrei große Strommengen erzeugt werden können und die insofern auch zum Klimaschutz beiträgt. Im Gegensatz dazu prägten die Atomkraftgegner den Slogan „Atomkraft? Nein danke!“ und verwiesen auf das Risiko von Unfällen mit verheerenden Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. Und auch das nach wie vor ungelöste Problem der Entsorgung von Atommüll sowie die endliche Verfügbarkeit der Energieressource Uran werden von den Gegnern der Atomkraft angeführt.

Der Einstieg zum Ausstieg

Der Atomausstieg in Deutschland begann im Jahr 2000, als die erste rot-grüne Koalition unter Bundeskanzler Gerhard Schröder einen Ausstiegskonsens mit der Energiewirtschaft erzielte, der eine geordnete und stufenweise Stilllegung der Atomkraftwerke nach dem Erzeugen bestimmter Strommengen vorsah. Feste Abschalttermine wurden nicht definiert. Gleichzeitig war der Bau neuer gewerblicher Atomkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen nicht mehr erlaubt. Ab Juli 2005 sollten zudem CASTOR-Transporte zu Wiederaufbereitungsanlagen verboten werden.

Ausgehend von der Inbetriebnahme des jüngsten Atomkraftwerks Neckarwestheim 2 im Jahr 1989 ergab sich ein theoretisches Enddatum für die Abschaltung aller Atomkraftwerke im Jahr 2021. Durch einige Sonderregelungen und die Möglichkeit der Übertragung von Reststrommengen hätte sich dieses Enddatum jedoch noch verschieben können. Als erstes Atomkraftwerk wurde im Jahr 2003 der Reaktor Stade (Niedersachsen) vom Netz genommen, 2005 folgte der Reaktor Obrigheim in Baden-Württemberg.

Die Opposition kritisierte den sogenannten „Atomkonsens“ heftig. Er ginge zu Lasten von Wirtschaft und Verbrauchern in konjunkturell schwierigen Zeiten und gefährde die deutschen Klimaschutzziele, da anstelle der abgeschalteten Atomkraftwerke massiv auf fossile Brennträger zurückgegriffen werden müsste. Die Opposition bekräftigte ihre Absicht, den Atomausstieg so bald wie möglich wieder rückgängig zu machen.

„Sie freuen sich zu früh. Wir werden das, was sie als dauerhaften Kernenergieausstieg bezeichnen, wieder rückgängig machen“, so damals der CDU-Energieexperte Klaus Lippold.

Die der rot-grünen Regierung folgende Große Koalition hielt zunächst noch am Atomausstieg fest, auch wenn nicht alle von der Notwendigkeit überzeugt waren.

"Ich werde es immer für unsinnig halten, technisch sichere Kernkraftwerke, die kein CO2 emittieren, abzuschalten“, stellte die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2006 fest.

Doch Atomkraftwerke sind keineswegs CO2-frei. Beim Bau der Kraftwerke, beim Abbau von Uran und beim jahrelangen Rückbau alter Anlagen entstehen in erheblichem Umfang Treibhausgase.

Der Ausstieg vom Ausstieg

Im September 2010 machte die neue schwarz-gelbe Regierungskoalition dann wie angekündigt den Atomkonsens wieder rückgängig und setzte eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke um acht beziehungsweise 14 Jahre durch.

Die Regierung argumentierte, dass erneuerbare Energien auf absehbare Zeit nicht genügend Strom erzeugen würden. Nach Darstellung des damaligen Wirtschaftsministers Michael Glos sollten Deutschland bereits in wenigen Jahren eine Energielücke und Stromabschaltungen drohen, würden nicht bald Investitionen in neue Leitungsnetze und Kohlekraftwerke erfolgen. Er berief sich auf Berechnungen der Deutschen Energie-Agentur (dena), zufolge derer ohne eine Verlängerung der Atomkraftwerkslaufzeiten ab 2012 nicht mehr ausreichend Strom hätte produziert werden können.

Die Grünen bezeichneten die Warnungen vor einer Energielücke als gezielte Täuschung der Öffentlichkeit. Sie verwiesen auf Berechnungen des Bundesumweltministeriums: Diese zeigten schon damals, dass es keinen Stromengpass, geschweige denn eine Energielücke geben würde. Und auch die dena plädierte nicht für längere Laufzeiten, sondern wies darauf hin, dass die drohende Stromlücke durch den Bau von Kohlekraftwerken geschlossen werden könnte.

Reaktorunglück Fukushima-Daiichi

Dann ereignete sich am 11. März 2011 vor der Ostküste Japans eines der stärksten jemals gemessenen Erdbeben, dem zahlreiche schwere Nachbeben folgten. Das Hauptbeben im Pazifik mit einer Stärke von 9,0 löste einen Tsunami mit stellenweise bis zu vierzig Meter hohen Wellen aus.

In der Folge des Bebens und des dadurch ausgelösten Tsunami traten in mehreren Kernkraftwerken Ostjapans Störfälle auf, insbesondere am Standort Fukushima-Daiichi, der von einer 14 Meter hohen Welle getroffen wurde. Vier von sechs Reaktorblöcken des Kraftwerks wurden zerstört. Nach dem Ausfall des Kühlsystems und dem Verdampfen des Kühlwassers kam es zudem in den Reaktorblöcken 1 bis 3 zur Kernschmelze, einem sogenannten GAU, dem größten anzunehmende Unfall. Große Mengen an radioaktivem Material wurden freigesetzt und kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel in der land- und meerseitigen Umgebung.

Aufgrund einer Abschätzung der freigesetzten Gesamtradioaktivität ordnete die japanische Atomaufsichtsbehörde die Ereignisse auf der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse mit der Höchststufe 7 („katastrophaler Unfall“) ein. Seit der Katastrophe 1986 im sowjetischen Kraftwerk Tschernobyl hatte es keine nukleare Havarie von diesem Ausmaß gegeben. Der entscheidende Unterschied zu Tschernobyl, der auch überzeugte Atomkraft-Befürworter ins Wanken brachte: Japan ist ein reiches Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards.

Der Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg - Energiepolitische Kehrtwende in Deutschland

Unter dem Eindruck der nuklearen Katastrophe in Japan besiegelte die Bundesregierung 2011 unter Bundeskanzlerin Angela Merkel dann an nur einem einzigen Wochenende das vollständige Ende der Atomenergie in Deutschland.

„In Fukushima haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass selbst in einem Hochtechnologieland wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht sicher beherrscht werden können“, begründete Bundeskanzlerin Merkel die Entscheidung. „Wegen der unfassbaren Katastrophe in Japan werden wir die erst kürzlich beschlossene Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke aussetzen".

Innerhalb von nur 96 Stunden wurde so eine nie dagewesene energiepolitische Kehrtwende vollzogen: Als Sofortmaßnahme wurden die Kraftwerke Biblis A, Biblis B, Brunsbüttel, Isar I, Krümmel, Neckarwestheim I, Phillipsburg I und Unterweser abgeschaltet. Für die restlichen neun Atomkraftwerke in Deutschland wurden im neuen Atomgesetz feste Ausstiegszeiten beschlossen. Das letzte sollte Ende 2022 stillgelegt werden. Für den Übergang sollten neue Kohle- und Gaskraftwerke gebaut werden. Zentrale Säule der zukünftigen Energieversorgung sollten jedoch die erneuerbaren Energien werden.

Deutschland als Energiewende-Labor oder drohen mit dem Atomausstieg Blackouts?

Doch auch noch 10 Jahre nach dem Atomausstieg kursiert in Deutschland die Sorge vor einer lückenhaften Stromversorgung bis hin zum totalen Stromausfall, dem „Blackout“. Schließlich ist es für die Bevölkerung, die Verkehrssicherheit, für Krankenhäuser, für die Industrie und eigentlich jedes Unternehmen unerlässlich, eine zuverlässige und konstante Stromversorgung zu erhalten.

Nach der ersten Abschaltungswelle 2011 stiegen kurzzeitig die Stromimporte etwa aus Frankreich und Tschechien an. Und in den Jahren 2012 bis 2015 produzierten die deutschen Kohlekraftwerke mehr Strom als im Jahr vor Fukushima. Das war erst mal schlecht für die deutsche CO2-Bilanz. Seitdem aber geht die Kohleverstromung kontinuierlich zurück und der Anteil der erneuerbaren Energien wird jedes Jahr größer. Seit dem Atomausstieg hat er sich fast verdreifacht und im Jahr 2020 haben die erneuerbaren Energien erstmals mehr als die Hälfte des Stroms in Deutschland produziert, allen voran die Windkraft als wichtigste Stromquelle mit fast 30 Prozent. Dank der erneuerbaren Energien spart Deutschland jährlich 200 Millionen Tonnen CO2 ein.

"Dass die Erneuerbaren so stark gewachsen sind, wie es in den letzten zehn Jahren passiert ist, haben die allerwenigsten vorhergesagt", zieht Andreas Kuhlmann von der dena eine Zwischenbilanz. „Deutschland ist das Energiewende-Labor Nummer Eins."

Kuhlmann glaubt nicht, dass Blackouts drohen, wenn die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen. Vor dem GAU in Fukushima kamen noch 22 Prozent des deutschen Stroms aus der Atomkraft, derzeit sind es noch 11 Prozent.

Laut einem Gutachten verschiedener Institutionen wie u.a. dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung kann ein Blackout in Deutschland weitestgehend ausgeschlossen werden:

"Insgesamt ist die Verfügbarkeit der Energieträger für die Stromerzeugung als gesichert einzuschätzen. Der Stromversorgung in Deutschland liegt ein relativ breiter Erzeugungsmix zwischen den Energieträgern zugrunde, der das Risiko eines Versorgungsengpasses einzelner Energieträger weitgehend minimiert. (...) In Summe wurden 60 Millionen Situationen simuliert. (...) Für Deutschland ergibt sich für alle Betrachtungsjahre eine Lastausgleichswahrscheinlichkeit von (rechnerisch) 100%."

Auch der grüne Umweltpolitiker Oliver Krischer ist überzeugt, dass Deutschland es sich in jedem Fall leisten kann, die letzten verbliebenen Atomkraftwerke abzuschalten:

"Das ist eigentlich überhaupt kein Problem, wenn wir konsequent die erneuerbaren Energien ausbauen. Den Rest Atomkraft, diese Lücke lässt sich auf jeden Fall schließen."

Energiepolitik bremst Ausbau der erneuerbaren Energien

Theoretisch könnte Deutschland seinen kompletten Strombedarf mit erneuerbaren Energien erzeugen. Das geografisch-technologische Potenzial reicht sogar, um den heutigen Verbrauch dreimal zu decken. Das zeigt eine Studie des auf Energiemärkte spezialisierten Beratungsunternehmens Aurora Energy Research. Doch bisher hat die Politik den Ausbau gebremst. Es fehlt an energiepolitischen Konzepten, die den Anforderungen der neuen Energiewelt gerecht werden.

„Unsere Analyse zeigt, dass Deutschland sowohl bei Wind- als auch Sonnenenergie über mehr als ausreichend natürliches und technisches Potenzial verfügt“, sagt Energieexperte Casimir Lorenz, Projektleiter bei Aurora Energy Research. „Doch die Obergrenze für den Erneuerbaren-Ausbau wird hierzulande durch die Marktbedingungen gesetzt. Daher braucht es zusätzliche Maßnahmen der Politik, um diese Rahmenbedingungen so zu ändern, dass der gewünschte und nötige Zubau marktgetrieben stattfinden kann.“

Doch trotz der bremsenden Wirkung der politischen Rahmenbedingungen gibt es einen sich selbst beschleunigenden Ausbau der erneuerbaren Energien. Treibende Kraft hierbei ist die Wirtschaft, denn Ökostrom ist bereits jetzt wesentlich kostengünstiger als Strom aus fossilen und atomaren Kraftwerken.

Der endgültige Ausstieg - und kein Ende in Sicht

Mit der endgültigen Abschaltung der letzten Atomkraftwerke Ende 2022 wird in Deutschland zwar ein historisches Ziel erreicht. Doch beendet ist der Atomausstieg damit noch lange nicht. Es bleiben nukleare Risiken, die weitere konsequente Schritte erfordern: in Deutschland, in Europa und weltweit. Denn die Risiken der Atomkraft machen nicht an Landesgrenzen halt.

"Energiewende und Klimaschutz allein in Deutschland zu machen, wird nicht reichen, Energiepolitik muss europäisch gedacht werden", so Andreas Kuhlmann von der dena.

Und auch die Versorgung ausländischer Atomkraftwerke mit Nuklearmaterial aus deutschen Firmen muss beendet werden. Das grenznahe Schweizer Atomkraftwerk Leibstadt und der umstrittene Kernreaktor im belgischen Doel laufen mit Brennelementen aus dem emsländischen Lingen. Und in Gronau befindet sich eine Urananreicherungsanlage, für deren Betrieb Deutschland, Großbritannien und die Niederlande 1970 sogar einen Vertrag nach dem Völkerrecht geschlossen haben. Das erschwert den Ausstieg zusätzlich.

Dennoch stellt Bundesumweltministerin Svenja Schulze mit ihrem Plan "12 Punkte für die Vollendung des Atomausstiegs" klar:

„Ohne die Schließung der Atomfabriken im nordrhein-westfälischen Gronau und im niedersächsischen Lingen kann der deutsche Atomausstieg nicht vollendet werden. Der deutsche Atomausstieg ist nicht mit der Produktion von Brennstoff und Brennelementen vereinbar."

Wegen der Gefahr, die weiterhin von Kraftwerken in Nachbarländern wie etwa Frankreich oder Belgien ausgeht, ist es daher wichtig, Kooperationen zwischen den Ländern zu stärken und einen gesamteuropäischen Konsens zu finden.

 

Quellen: dw, Agora Energiewende, verivox, Süddeutsche Zeitung, ECOreporter, Deutscher Bundestag, pv magazine