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Agri-Photovoltaik vereint Energie- und AgrarnutzungMarkthochlauf einer innovativen Schlüsseltechnologie

Agri-Photovoltaik, kurz Agri-PV, beschreibt die simultane Nutzung von Flächen für energetische und landwirtschaftliche Zwecke. Der große Vorteil dieses Systems ist, dass Agri-PV-Anlagen auf Freiflächen gebaut werden können, ohne mit fruchtbaren Ackerflächen der Landwirtschaft zu konkurrieren.

Gleichzeitig fördert Agri-PV Synergieeffekte zwischen nachhaltiger Stromerzeugung und der Anpassung der landwirtschaftlichen Produktion an sich verschärfende Klimabedingungen. Nutzpflanzen, die unter Agri-PV-Anlagen wachsen, werden so vor Erosion, extremer Hitze und Starkregen geschützt und benötigen weniger externe Inputs.

Agri-PV: mindestens 85% der Fläche für landwirtschaftliche Nutzung

Art und Aussehen von Agri-PV-Anlagen unterscheiden sich in Korrelation zu dem landwirtschaftlichen Profil, auf dem sie eingesetzt werden. Hoch aufgeständerte vertikale Anlagen ermöglichen auf ein- und derselben Fläche die Erzeugung von Strom und den Anbau hochwachsender Nutzpflanzen oder Viehhaltung. Vertikal aufgestellte bodennahe Systeme wiederum erlauben die landwirtschaftliche Bewirtschaftung zwischen den Anlagereihen. Beide Anlagetypen haben folgendes gemeinsam: Die Klassifizierung als Agri-PV und damit die Qualifizierung für eine staatliche Förderung erfolgt erst, wenn mindestens 85% der Fläche, auf der die Anlage errichtet wird, weiterhin für die landwirtschaftliche Nutzung verwendet werden kann.

Auch Moor-Photovoltaik, die gleichzeitige Nutzung wiedervernässter Moorböden für Klimaschutz und Stromerzeugung, und Biodiversitäts-Photovoltaik, die Förderung von Artengruppen auf dem Solargelände, weisen Parallelen zu Agri-PV auf. Zentraler Unterschied ist jedoch, dass Agri-PV den Fokus primär auf die gleichzeitige energetische und landwirtschaftliche Nutzung von Flächen legt.

Das Potenzial von Agri-PV für die Erfüllung der klimapolitischen Ziele Deutschlands

Deutschland verfolgt das ambitionierte Ziel, bis 2030 80% des gesamten deutschen Stromverbrauchs (sektorenübergreifend) aus erneuerbaren Quellen zu beziehen. Davon sollen 70% des Strombedarfs durch die Installation von Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 215 Gigawattpeak (GWp) erreicht werden. Rund 50% des PV-Zubaus sollen dabei auf Dachanlagen entfallen, um den Druck auf landwirtschaftliche Flächen zu mindern.

Wenn herkömmliche Freiflächen-PV-Anlagen 50% aller neu geplanten PV-Anlagen stellen würden, wäre das ein Problem. Laut Thünen-Institut müssten dann bis 2030 mehr als 104.000 ha, die in Teilen auch für landwirtschaftliche Zwecke genutzt werden könnten, also eine Fläche fast so groß wie Berlin und Potsdam zusammen, für den Bau von PV-Anlagen zur Verfügung stehen. Hier bietet Agri-PV eine nachhaltige und wirtschaftliche Alternative, die in Symbiose mit Landwirtschaft funktioniert. Agri-PV gilt daher als Schlüsseltechnologie, die diesen potenziellen Flächennutzungskonflikt entschärfen kann.

Agri-PV ist das Photovoltaik-Segment mit dem größten langfristigen Wachstumspotential in Deutschland

Das enorme Potential von Agri-PV hat das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme errechnet. Die Agrarwissenschaftler gehen davon aus, dass bereits auf den „am besten geeigneten Flächen“ mehr als 500 GWp Solarleistung installiert werden könnten. Das übertrifft die Photovoltaik-Ausbauziele Deutschlands für 2040 um 100 GWp. Bereits durch die Installation von Agri-PV auf 4% der deutschen Agrarflächen würde  bilanziell der gesamte Strombedarf Deutschlands (sektorenübergreifend) abgedeckt werden. 

„(Bei) Agri-PV geht es nicht um Energiewende ODER Landwirtschaft, sondern um Energiewende UND Landwirtschaft. Denn Feldfrüchte und Grünland unter Strom sind gut für unsere Energieversorgung und eröffnen der Landwirtschaft völlig neue Geschäftsfelder“, sagt die ehemalige Energieministerin Thüringens Anja Siegesmund.

Deutschland holt im internationalen Markthochlauf der innovativen Technologie auf

Weltweit beträgt die installierte Leistung aus Agri-PV derzeit 14 Gigawattpeak (GWp). Internationale Vorreiter beim Ausbau von Agri-PV sind Japan und China, während EU-weit Italien, Frankreich und die Niederlande Spitzenreiter sind. In Deutschland, vormals Nachläufer in diesem Segment, hat sich in den letzten 3 Jahren jedoch viel getan. Während Agri-PV in 2023 noch fast ausschließlich im Forschungskontext stattfand, sind mittlerweile die ersten kommerziellen Agri-PV-Projekte in Betrieb. Gleichzeitig befinden sich zahlreiche Agri-PV-Projekte im Genehmigungsprozess oder Ausbau, was in den nächsten Jahren zu einer deutlichen Steigerung der installierten Leistung aus Agri-PV  führen wird.

So wurde beispielsweise in Schönefeld im Berliner Süden nahe des Hauptstadtflughafens im Jahr 2025 der erste Spatenstich für eines der größten Agri-PV-Projekte in Deutschland gemacht. Ziel ist es, auf 76 ha PV-Anlagen mit einer Leistung von 50 MWp zu installieren, um in Zukunft 16.000 bis 19.000 Haushalte mit Strom aus erneuerbaren Energien zu versorgen. Die Landwirtschaftliche Nutzung der Fläche wird von einem regionalen Biolandwirt übernommen.

Klimapark Steinhöfel: ein Leuchtturmprojekt in Brandenburg

Das bisher größte Agri-PV-Projekt in Deutschland hat eine Leistung von rund 76 MWp und befindet sich in Tützpatz im Landkreis der Mecklenburgischen Seenplatte. Die Anlage mit vertikal angebrachten PV-Modulen, die je nach Sonnenstand von Ost nach West abgekippt werden können, ist auf 3 Teilflächen aufgeteilt und kombiniert Ackerbau mit der Haltung von Hühnern in mobilen Ställen. Das Projekt wird gleichzeitig wissenschaftlich begleitet, um neben der kommerziellen Nutzung wichtige Daten für das Zusammenspiel von Photovoltaik und landwirtschaftlicher Nutzung zu sammeln.

In Brandenburg, das mit sandigen und trockenen Böden zu kämpfen hat, wird mit dem Klimapark Steinhöfel ein noch weitaus größeres Agri-PV-Projekt vorangetrieben. Hier werden auf 500 Hektar, d. h. auf einer Fläche von umgerechnet 700 Fußballfeldern, Agri-PV-Anlagen mit einer geplanten Gesamtanlagenleistung von rund 753 MWp installiert. Damit wird der Klimapark zu den größten Projekten Europas zählen. Das Leuchtturmprojekt setzt auf moderne hochgestellte Solarmodule. Diese bieten Raum für eine gleichzeitige landwirtschaftliche Nutzung, die in enger Kooperation mit der Gemeinde und örtlichen Landwirten erfolgen soll. Mögliche Beispiele für die Bestellung des Landes sind u. a. der Anbau von Arznei- und Gewürzkräutern oder auch Ackerfruchtfolgen. Besonders bei diesem Projekt liegt der Fokus auf der engen Kooperation mit den Bauern vor Ort, um neue nachhaltige Wertschöpfungsketten in Brandenburg zu fördern.

Agri-PV als Baustein in der agrarökologischen Wende

Im Gegensatz zu normalen, niedrig aufgesetzten PV-Anlagen, entfalten Agri-PV-Systeme Synergieeffekte, die die Resilienz und Fruchtbarkeit von Böden steigern, extreme Wetterereignisse abschwächen und so der Landwirtschaft dabei helfen können, sich besser an den Klimawandel anzupassen. Besonders wetteranfällige Sonderkulturen wie Wein, Obst und Gemüse profitieren von Agri-PV. Die PV-Überdachung gewährt Schatten und zudem Schutz vor Hagel und Frost. Gleichzeitig verringern Agri-PV-Anlagen die Evaporation von Wasserdampf und können - durch Optimierung mit Bewässerungssystemen - Nachtfröste und Frühjahrestrockenheit entschärfen und so zur Stabilisierung der Produktionsbedingungen beitragen. Das ist besonders relevant für die wasserarmen Regionen Deutschlands mit sinkenden Grundwasserständen und verschärften Dürrerisiken, wie beispelsweise der Magdeburger Börde.

Agri-PV steigert die Wassernutzungseffizienz

In einer internationalen Studie haben Agrarwissenschaftler 2025 systematisch 33 verschiedene Agri-PV-Forschungsprojekte weltweit analysiert. Das Ergebnis ist, dass Agri-PV-Anlagen in diversen klimatischen Kontexten im Schnitt die Ackerböden-Temperaturen zwischen 1 - 4 °C absenken und gleichzeitig die Wassernutzungseffizienz zwischen 20 - 47% steigern. Das bedeutet, dass landwirtschaftliche Flächen, die von Agri-PV-Anlagen beschattet werden, pro eingesetztem Liter Wasser bis zu 47% mehr Ertrag liefern können oder - andersherum gedacht - dass man für den gleichen Ertrag wesentlich weniger bewässern muss. Diese Solartechnologie ist damit vor allem für die Erzeugung von landwirtschaftlichen Gütern prädestiniert, in denen Deutschland bis jetzt noch Nettoimporteur ist, z.B. in dem Bereich des Arzneimittel- oder Fruchtanbaus.

Felduntersuchungen zeigen positiven Nutzen für die Landwirtschaft

Mehrjährige Felduntersuchungen im Rahmen der Agri-PV-Forschungsprojekte APV-Resola und SynAgri-PV, die vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert werden, bestätigen die positiven Effekte, die Agri-PV auf den Anbau von Nutzpflanzen hat. Zentrale Erkenntnisse sind, dass Agri-PV-Systeme den Dürrestress, dem Winterweizen in der Projekt-Region in Südwestdeutschland ausgesetzt war, signifikant verringerte und gleichzeitig zur Ertragsstabilisierung beitrug. In Zahlen heißt das, dass Agri-PV in der Modellregion am Bodensee eine Landnutzung von 160% ermöglicht, aufgegliedert in die Produktion von etwa 80% Weizen und 80% Solarstrom auf derselben Fläche. Zusätzlich begünstigte die Verschattung durch PV-Module den Pflanzenwuchs und steigerte den Weizenertrag um 3% und den Kartoffelertrag um 11%. Diese Erkenntnisse zeigen, Agri-PV ist ein multifunktionales System, das neben der emissionsneutralen Erzeugung von Energie gleichzeitig die Adaption der landwirtschaftlichen Produktion an sich verschärfende Klimabedingungen unterstützt.

Agri-PV genießt höhere Zustimmung in der Bevölkerung

Empirische Studien zeigen, dass Agri-PV mehr gesellschaftliche Zustimmung hat als herkömmliche, rein monofunktionale PV-Freiflächenanlagen. Denn Agri-PV ermöglicht den Gemeinden und Bauern die Erschließung neuer Wertschöpfungskreisläufe, die durch die gleichzeitige energetische und landwirtschaftliche Nutzung von Flächen zur Einkommensdiversifizierung beitragen.

Das gelegentlich geäußerte Argument, Agri-PV sei unwirtschaftlicher als reine Freiflächenanlagen, greift zu kurz, wie das Fraunhofer Institut und das Jülicher Forschungszentrum aufzeigen. Zum einen ermöglicht Agri-PV die simultane Nutzung von Flächen und stabilisiert dabei die landwirtschaftliche Produktivität. Darüber hinaus fördert Agri-PV wichtige, oft übersehene Ökosystemleistungen wie die Anpassung von Agrarflächen an extreme Wetterereignisse. So verringert Agri-PV beispielsweise den Bedarf an externen Inputs wie Hagelnetzen oder Folien, was die Kosten für Landwirte reduziert.

Fazit: 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Agri-PV das Potential hat, eine Schlüsselrolle für die Erreichung der angestrebten deutschen Klimaneutralität einzunehmen. Bereits durch die Installation von Agri-PV auf 4% der deutschen Agrarflächen könnte bilanziell der gesamte  Strombedarf Deutschlands (sektorenübergreifend) abgedeckt werden. Die Installation von Agri-PV auf den am besten geeignetsten Flächen würde sogar dazu führen, dass die deutschen PV-Ausbauziele für das Jahr 2040 deutlich übertroffen werden. Denn Agri-PV ist innovativ, indem es Flächennutzung neu denkt. Es entschärft Landnutzungskonflikte durch die simultane Nutzungsmöglichkeit für energetische und landwirtschaftliche Zwecke. Gleichzeitig unterstützt Agri-PV die Anpassung der Landwirtschaft an sich verschärfende klimatische Bedingungen und fungiert somit als wichtiger Baustein für moderne, resiliente Landwirtschaft.

 

Umweltfinanz, Mai 2026 
Quellen:

  • Bundesministerium für Landwirtschaft, Klimaschutz, Ernährung und Heimat 2025: Agri-Photovoltaik
  • Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2024: Nationale Klimaschutzpolitik: Ambitioniert und mit klarem Kompass für nachhaltigen Wohlstand
  • Fraunhofer ISE 2025: Flächenpotenzial für Agri-Photovoltaik in Deutschland übertrifft Ausbauziele für Klimaschutz
  • Kerstin Wydra et. al. 2022: Potential der Agri-Photovoltaik in Thüringen
  • Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung 2026: Ein Beitrag zur aktuellen Diskussion zur Wirtschaftlichkeit von Agri-Photovoltaik
  • Altyeb Ali Abaker Omer, Ming Li et. al. 2025: Impacts of agrivoltaic systems on microclimate, water use efficiency, and crop yield: A systematic review. In: Renewable and Sustainable Energy reviews, Auflage 221

 

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